Mit ein wenig Mut kann man sein, wer man möchte. Mit noch etwas Mut mehr kann man sogar sein, wer man ist.

Sensibilität – Tipps für den Umgang damit

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Unsere zuweilen doch recht raue Welt nimmt nicht gerne Rücksicht auf besonders sensible Menschen. Nur allzu leicht geraten empfindsame Zeitgenossen in den Ruf eine „Mimose“ zu sein oder werden gleich mit der Prinzessin auf der Erbse aus Hans Christian Andersens gleichnamigem Märchen über einen Kamm geschoren.

Seltsamerweise steht gleichzeitig die Eigenschaft der Sensibilität derzeit hoch im Kurs und wird oft in einem Atemzug mit den schwer angesagten Trends von Achtsamkeit und Selbstfindung genannt. Na was denn nun, liebe Welt? Auf der einen Seite muss ich ein dickes Fell besitzen, um dich in deiner ganzen Härte zu ertragen. Auf der anderen Seite soll ich aber zartbesaitet genug sein, damit ich auch noch deine feinsten Nuancen und Schwingungen wahrnehmen kann. Viel schmaler kann der Grat des Lebens ja wohl kaum sein.

Frag Mutti als Kneipp-Kur fürs Gemüt

Stellen wir uns doch mal vor ich wäre ein Psychotherapeut und würde von einer Patientin gefragt, wie sie am leichtesten lernen könnte, nicht mehr alles im Leben so persönlich zu nehmen und die Verbalattacken ihrer Mitmenschen zwar zum einen Ohr hinein- aber auch genauso schnell zum anderen Ohr wieder hinauszulassen.

„Nun“, würde ich antworten und dabei ganz therapeutenhaft mein Kinn in die Hand stützen, „melden sie sich doch einfach mal mit einem Account bei Frag Mutti an, geben sich einen aussagekräftigen Nickname, mmmh, wie wär’s denn zum Beispiel mit Instant-Fix-Lady, und beschreiben in einem Tipp, wie sie aus zwei Litern Fertigpulverbrühe, einer Packung Tiefkühlgemüse und vorgegarten Hackfleischbällchen von Aldi einen schmackhaften Eintopf für ihre Familie kochen. Danach brauchen sie sich nur noch ganz entspannt zurückzulehnen und abzuwarten, was als nächstes passiert.“

Dann würde ich in den Tiefen meines Arzneischränkchens kramen, eine Großpackung Valium hervorzaubern und diese mit einem verschwörerischen Augenzwinkern meiner Patientin über die Tischplatte zuschieben. „Die gebe ich ihnen mal nur für alle Fälle mit, wir sehen uns dann nächste Woche zur gleichen Zeit wieder.“

DAS wäre mal eine echte Rosskur, ganz im Sinne unseres leider viel zu früh verstorbenen Lieblingsostfriesen und Knochenbrechers Tamme Hanken. Nur wenn’s ordentlich kracht, kann’s auch helfen. Zum Glück bin ich kein Psychotherapeut und würde so etwas NIEMALS machen. Also die geistige Gesundheit der unschuldigen Frag Mutti-User so leichtfertig aufs Spiel setzen, meine ich natürlich. Außerdem: Wer will schon verantwortlich sein für die Server-Explosion im liberalsten Forum für Haushaltstipps ever… Ich auf jeden Fall nicht!

Jetzt aber mal ernsthaft

Für meine Umwelt gebe ich schon mal ganz gerne den harten Knochen mit über dreißig Jahren Berlin-Moloch-Erfahrung auf dem Buckel. Gestählt in unzähligen Auseinandersetzungen mit renitenten BVG-Beamten, Hardcore-Schnorrern am Kotti und dem wohl ruppigsten Menschenschlag unserer gesamten Republik. Aber ganz tief drinnen bin ich doch immer noch der unschuldige Bub aus einem winzigen sauerländischen Luftkurort, der gerne Gedichte schreibt und lieber Ed Sheeran als Marilyn Manson hört. Mit anderen Worten: Berlin mit all seinen Härten geht mir gelegentlich ganz schön an die Nieren. Ich habe etliche sensible Menschen an dieser Stadt verzweifeln sehen und gleichzeitig möchte ich doch nirgendwo anders leben. Paradox, schon klar, aber genau diese Art der Sozialisation befähigt mich anderen empfindsamen Menschen ein paar Tipps an die Hand zu geben, wie man sensibel sein kann und trotzdem nicht unter die Räder kommt. Im Folgenden kann das Wort „Sensibilität“ übrigens auch jederzeit durch den Begriff „Feinfühligkeit“ ersetzt werden.

  • Sensibilität als Gabe und nicht als Schwäche wahrnehmen – Ich bin davon überzeugt, dass unsere Welt eine friedlichere wäre, wenn mehr Menschen sich zu ihrer Sensibilität bekennen und diese als menschliche Stärke demonstrieren würden.
  • Zur eigenen Sensibilität stehen – Wer seine Sensibilität so gut es geht auslebt, kann eine Vorbild für andere sein, dies ebenfalls zu tun.
  • Eine harmonische Umgebung schaffen – Wenn ich es schaffe in meinem kleinen persönlichen Umfeld (Arbeit, Schule, Familie etc.) eine harmonische Stimmung zu erzeugen, wird sich das immer positiv auf die Sensibilität aller Beteiligten auswirken.
  • Empathie zulassen und ausleben – Echtes Mit-Fühlen hat nichts mit aufgesetztem Mitgefühl zu tun. Daher: Wenn ich mich als sensibler Mensch in die Gefühlswelt eines anderen Menschen hineinversetzen kann, sollte ich ihn das spüren lassen.
  • Als Mann zu seinen weiblichen Anteilen stehen – Frauen wird oft per se eine größere Sensibilität zugesprochen. Also ist es in diesem Fall an uns Männern zu zeigen, dass wir ebenfalls zu tiefen und echten Gefühlen imstande sind, ohne deswegen der sprichwörtliche „Waschlappen“ zu sein.
  • Die Gabe echter Kommunikation nutzen – Sensible Menschen sind in der Regel sehr gute Zuhörer und sollten diese Fähigkeit in ihrer Kommunikation nutzen und wenn möglich weiter ausbauen.
  • Bauchgefühle ernstnehmen – Eine ausgeprägte Sensibilität ermöglicht es den Menschen, Situationen nicht nur per Ratio, sondern auch mittels ihres Bauchgefühls zu beurteilen und zu dementsprechend zu handeln.

In diesem Sinne:

Mit ein wenig Mut kann man sein, wer man möchte.
Mit noch etwas Mut mehr kann man sogar sein, wer man ist. 

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11 Kommentare


5
#1
1.2.19, 17:31
Schön geschrieben Kriss und es steckt viel Wahrheit darin. Ich glaube aber, Sensibilität ist sehr unterschiedlich ausgeprägt, teilweise selbstgemacht, teilweise durch bestimmte Lebensereignisse oder Umgang geprägt. Ich kann sensibel aber auch selbstbewußt und kämpferisch sein, es kommt auf die Umstände an. Wenn ich andere, auch völlig fremde Menschen traurig oder weinend sehe, bekomme ich sofort Pipi in die Augen , wurde deshalb auch schon als Mimose bezeichnet. Andererseits kann ich wütend und fluchend reagieren, wenn mir oder auch anderen Unrecht getan wird.
Nun gehöre ich ja schon zum antiquatem etwas verschimmeltem Alter und die Lebenserfahrung prägt ungemein. Ich bin zum Beispiel sehr sensibel und merke, wenn es jemandem nicht gut geht. Mein Bauchgefühl hilft da immer . Trotzdem behaupte ich mal, im Internet d. h. in Foren wie dieses hier, wird Sensibilität oft als sich profilieren oder Überempfindlichkeit interprediert. Nicht einfach, zu erkennen wie der andere es meint, wenn man ihm nicht in die Augen schauen kann. Oh man, ich könnte noch weiter, aber ich hör lieber auf.
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#2
1.2.19, 20:04
Ich schlafe erst einmal "ne Nacht drüber", bin aber wie immer beeindruckt! 👍
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#3
1.2.19, 22:22
Danke. Schön dass ein Mann darüber schreibt. 
1
#4
2.2.19, 00:11
Haben Sie Ihrem Lieblingsostfriesen Tamme Hanken mal genau zugeschaut und die Reaktion der Tiere beobachtet? Mir haben sich die Fußnägel gerollt. Ich bin froh, dass er sein Unwesen nicht mehr treiben kann und habe auch die postmortale Hype um ihn nie verstanden. Physiotherapie geht - auch bei Tieren - anders.
Dies als nicht zur Sache gehörende Bemerkung am Rande.
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#5
2.2.19, 17:28
#Alle. also ich finde den Beitrag von #Kriss wieder mal prima. Ja! Auch das Weibliche in uns zulassen.
Walter 
#6
2.2.19, 19:25
Ich kann mich in die Gefühlslage meines (Gesprächs-)Gegenübers - auch von Menschen, die mir nicht nahestehen - meist sehr gut hineinversetzen und je nachdem worüber wir sprechen, bedrückt es mich zum Beispiel auch sehr, wenn ihm Negatives widerfahren ist. Meine Mutter sagte oft zu mir, ich dürfte mir "nicht alles so zu Herzen nehmen, denn das sei nicht gesund".
Sie meinte wohl damit, daß jeder Mensch nur bis zu einer gewissen Grenze belastbar sei und wenn dieser "Speicher ?" voll sei, man auch darüber krank werden könne. 
Naiv gedacht...aber ich denke schon, da ist etwas Wahres dran.
Ich denke, richtige "Sensibelchen" sind nicht immer die glücklichsten und/oder gesündesten Menschen.
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#7
3.2.19, 02:21
Hallo Kriss, Du hast die Modekrankheit „Hochsensibilität“ ganz außer Acht gelassen! ;-)
#8
4.2.19, 12:37
Wie immer, ein ganz toller Beitrag - völlig unabhängig von der persönlichen Meinung des Einzelnen !

Ich denke , auch wenn es noch zu wenig Studien (zu denen uch ohnehin - ganz allgemein - eine differenzierte Meinung habe ) gibt :
Es gibt Menschen, die überdurchschnittlich sensibel / sensitiv sind und darunter auch leiden.

Ich fürchte eher. , daß auch das eine "Erscheinung" (nenne es ganz bewußt nicht Erkrankung) ist , die leider ganz viele Trittbrettfahrer auf den Plan ruft .......
und damit erfahren leider WIRKLICH davon Betroffene NICHT die nòtige Akzeptanz , geschweige denn Verständnis !
#9
4.2.19, 13:59
schwarzetaste # 7 :

Macht es sich die Gesellschaft mittlerweile nicht sehr leicht , viele Leiden ganz einfach als "Modekrankheit" abzutun ?

Ich denke da nur an die Migräne - sämtliche "Witze" darüber stammen aus den 80'ern ........
........möchte jemand mit einem Migränepatientien tauschen ?
#10
4.2.19, 14:04
Danke für diesen Text, Kriss!
Ich denke, ohne Sensibilität ist kein gutes Miteinander möglich.
Leider ist es oft so, daß die Sensiblen ausgenutzt werden, weil sie sich schneller für Aufgaben verantwortlich fühlen als andere.
Sensibilität kann also eine große Belastung sein, nicht nur wegen des Übernehmens von Aufgaben. Es kann einen Menschen auch sehr belasten, wenn er ständig über das Wohlbefinden anderer nachdenkt. Darüber kann er selbst leicht zu kurz kommen. Und das merken die anderen dann oft nicht.
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#11
16.2.19, 15:23
Hallo Kriss, meine Meinung zu diesem Thema das Du ansprichst haben all meine Vorgänger bereits aufgegriffen und niedergeschrieben. Trotzdem mag ich Menschen ,gerade in unserer heutigen Zeit, die in bestimmten Situationen eine gewisse Sensibilität zeigen. Und ich glaube auch,jeder Mensch der auch mal eine nicht so gute Zeit durchlebt ,ist froh wenn er so jemanden an seiner Seite hat. Und ich vertrete die gleiche Meinung wie Upsi oben  die Aussage über das Internet,bzw. hier im Forum. 
Dir wünsche ich viel Kraft und ein Funken Sensibilität ,das jedem steht. Liebe Grüße 

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